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Tibetischer Buddhismus

VOM KLEINEN ZUM DIAMANTEN FAHRZEUG

© Schillinger Verlag, Freiburg

Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den buddhistischen Lehrsystemen von Hinayana, Mahayana und Vajrayana (tibetischem Buddhismus)

Die buddhistischen Lehren gehen zurück auf den Prinzen Gautama Siddharta, den „Erleuchteten" (Buddha) aus dem Fürstengeschlecht der Shakya, der im 6.-5. Jahrhundert v. Chr. wirkte. Ziel seiner Anhänger ist das Verlassen des als Samsara bezeichneten Daseinskreislaufs - des ständigen Wiedergeboren-Werdens - und damit der Eingang ins Nirvana. Die drei wesentlichen Merkmale des Daseins sind die Vergänglichkeit des Lebens; es ist nicht wesenhaft und daher leidvoll. Das Leid entsteht durch die drei Grundübel Begierde, Haß und Unwissenheit. Mit der Erleuchtung erfährt der Gläubige die vier edlen Wahrheiten: die Wahrheit von der Existenz des Leidens, von der Entstehung des Leidens, von der Aufhebung des Leidens und vom Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt, so genannte achtfache Pfad, der die Schulung in Sittlichkeit, Meditation, Weisheit und Einsicht beinhaltet.
Nach Buddhas Tod führten unterschiedliche Auslegungen seiner Grundgedanken zur Ausbildung verschiedener Schulen. Aus den ursprünglichen Lehren des Buddha selbst bildete sich ab der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. der Hinayana-Buddhismus, was übersetzt „Kleines Fahrzeug" bedeutet. Darin ist jeder einzelne selbst für seine Erlösung verantwortlich: Er rudert gewissermaßen allein in einem Boot über das Meer des Daseins. Durch zuchtvolles Leben und Einüben in die äußeren Rechtsvorschriften soll der Anhänger der Lehre die rechte Disposition erlangen, um auf dem Weg zum Nirvana, des „Zur-Ruhe-Kommens" zu gelangen.
In der klassischen Dreiteilung des lamaistischen Lehrsystems wird diese erste Abteilung der Lehren Vinaya genannt, d.h. „Ordnungszucht". Mit großer Strenge erörtert das Vinaya, welche Voraussetzungen ein Novize, der die Weihe empfangen soll, sowie der Spender der Weihe erfüllen müssen, welche Hindernisse dem entgegenstehen können usw. - denn immerhin bedeutet der Eintritt in den Mönchsorden die Zufluchtnahme zum Buddha, zur Gemeinde (Sangha) und zur Lehre (Dharma).
In seiner zweiten Abteilung befaßt sich der Lamaismus über die direkten Lehrreden Buddhas - die Sutras - hinaus mit den philosophisch-metaphysischen (nicht-tantrischen) Lehren des Mahayana-Buddhismus, die das Werk des Nagarjuna (2./3. Jh. n.Chr.) zur Grundlage haben: Mit den Mitteln der Logik erarbeitete der indische Philosoph den Beweis, daß die gesamte Erscheinungswelt unwirklich, ja letztlich nur Leerheit sei. Diese Leerheit liegt vor allem darin begründet, daß alles Werden und Sein voneinander abhängig und alle Dinge nur relativ und ohne Wesenhaftigkeit sind. Da alles (scheinbare) Sein nur aufgrund eines Kreislaufes von einander sich gegenseitig bewirkenden Ursachen zustandekommt, hat nichts wirklich Bestand. Diese Vorstellung hat sich in der darstellenden Kunst des tibetischen Buddhismus vor allem im Lebensrad niedergeschlagen, wo diese sogenannten karmischen Ursachen in Form von Stationen des menschlichen Lebens - (dem „zwölfgliedrigen Kausalnexus" wie Tod, Geburt, Alter usw.) - dargestellt werden.
Die ontologische Unwirklichkeit der Erscheinungswelt führte zur Annahme einer „doppelten Wahrheit": der vorläufigen, vordergründigen Alltagswahrheit auf der einen und der vollkommenen, eigentlichen Wahrheit auf der anderen Seite. In ihrer jeweiligen Ebene haben beide ihre Richtigkeit, weshalb eine Parteinahme vermieden wird. Bei der Methode des logischen Vorgehens gab es zwei Richtungen: Die Dialektik Nagarjunas beruhte darauf, die gegnerischen, auf die Realität bezogenen Behauptungen ad absurdum zu führen. Die andere Denkmethode entwickelte eine positive eigene Lehrmeinung. Der große tibetische Reformator Tsongkhapa verfocht in seinem Buch „Lamrim chenmo" die erste, die konsequentere Richtung. Erst in der höheren Schau erkennt der Mensch alle Gegebenheiten so, wie sie wirklich sind - nämlich als leer, womit gemeint ist, daß den Dingen die Wesenhaftigkeit fehlt, aber nicht ihre Existenz als Phänomene verneint wird. Da im Gegensatz zur höchsten Wirklichkeit die Welt der Erscheinungen durch „Vielfalt" geprägt ist, bedeutete Nirvana das Freisein von jeder Vielfalt, weil dann die Mannigfaltigkeit der Welt sowie das Gesetz des bedingten Entstehens aufgehoben sind. Das von Natur aus friedvolle Nirvana wird somit nicht erlangt, sondern es besteht im Erkennen des wahren Wesens der Phänomene, in dem die Vielfalt zur Ruhe kommt.
Im Gegensatz zum philosphischen Buddhismus der gelehrten Mönche war und ist es der Laienbevölkerung nicht möglich, selbständig durch Meditation und Ordensdisziplin zur Erkenntnis und mit ihr zur Erlösung zu gelangen. Die Laien versuchen, durch gute Taten und Stiftung religiöser Darstellungen (Malereien, Skulpturen) sowie sakraler Gegenstände gutes Karma für eine bessere Wiedergeburt anzusammeln, bedürfen für ihre Erlösung aber des Beistandes von „göttlicher" Seite. So hatte sich seit dem ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende der Mahayana-Buddhismus entwickelt: die Lehre vom „Großen Fahrzeug", in dem nicht nur dem Einzelnen aus eigener Kraft die Erlösung ermöglicht wird, sondern allen - gleich einem großen von Buddha selbst über das Meer des Daseins gesteuerten Fährschiff. Im zentralasiatischen wie fernöstlichen Buddhismus nimmt der Buddha Amitabha eine zentrale Stellung ein, als dessen Verkörperung der Panchen Lama gilt. Dieser Buddha des „Grenzenlosen Lichts" und Herrscher über das westliche Paradies Sukhavati, das weniger als ein Ort, denn als ein Bewußtseinszustand aufzufassen ist, verkörpert Erbarmen und Weisheit.
Ihm zur Seite stehen die Bodhisattvas, Wesenheiten, die die letzte Stufe der Erleuchtung bereits erlangt haben, auf den Eintritt ins Nirvana aber verzichten, um allen nicht-erlösten Wesen auf dem Weg zu ihrer Erleuchtung beistehen zu können. Auf dem Weg zur Bodhisattva-schaft werden zehn Stufen unterschieden, wobei es einem Bodhisattva ab der sechsten Stufe möglich wäre, mit dem Tod ins Nirvana einzugehen, also vom Geburtenkreislauf befreit in den Zustand des Erlöstseins überzugehen. Darauf verzichtet er jedoch, da der zentrale Teil seines Gelübdes darin besteht, wiederzukehren um zu helfen, solange es unerlöste Wesen gibt. Auf der siebten Stufe wird er zum „Transzendenten Bodhisattva", was bedeutet, daß er die Naturgesetze überwunden hat (symbolisch dargestellt mit der fünfzackigen Krone) und daher beliebige Formen annehmen und überall und zu jeder Zeit erscheinen kann, um unerleuchteten Wesen beizustehen. Auf der achten Stufe erlangt er die Fähigkeit, sein eigenes karmisches Verdienst auf andere zu übertragen. Verstärkte Bemühungen um die Erlösung anderer (wie beispielsweise Avalokiteshvara) kennzeichnen die neunte Stufe, während er auf der zehnten Stufe alles Wissen verwirklicht hat: Dies heißt, daß er zwar jetzt noch Bodhisattva ist, zukünftig aber zum Buddha wird: Maitreya, dessen Kult sowohl in Tibet als auch in China stark verbreitet ist.
Der bedeutendste unter den Bodhisattvas ist ohne Zweifel Avalokiteshvara, der in Tibet mit der magischen Formel Om ma ni pad me hum angerufen wird. Als wirkende Kraft des Buddha Amitabha verkörpert er dessen Erbarmen und dessen Weisheit. In China wird er als Guanyin verehrt, im tibetischen Buddhismus als Chenresi, dessen irdische Verkörperung der Dalai Lama ist. Um seine verstärkten Bemühungen, helfend einzugreifen, und seine allgegenwärtige Barmherzigkeit im Bild auszudrücken, wird Avalokiteshvara häufig elfköpfig und tausendarmig dargestellt.
Für die Entwicklung des Lamaismus sind zwei Begriffe von größter Bedeutung. Der eine ist mehr ontologischer Natur: das Wissen bzw. die höchste Weisheit, deren Gegenstand die Leerheit ist; der andere ist Teil der Erlösungslehre: das tätige liebende Mitleid des Bodhisattvas. Diese an sich widersprüchlichen Begriffe sind durch den Erleuchtungsgedanken verknüpft worden, indem die Erleuchtung des Bodhisattvas identisch ist mit seinem Schwur, nur noch zum Heil aller Lebewesen zu wirken.
Unter dem Einfluß von Magie und Schamanismus hat sich im 7. Jahrhundert der Vajrayana-Buddhismus (das „Diamantene Fahrzeug") herausgebildet. Weil wesentliche seiner Inhalte auf esoterischen Schriften beruhen - mystisch-magischen und ritualistischen Texten (Tantras), die nur Eingeweihten verständlich werden können -, wird er auch tantrischer Buddhismus genannt. Diese Lehren, die dritte Abteilung im lamaistischen System, entwickeln in gewisser Weise die „Vollkommenheit der Weisheit" fort, indem die Überwindung der Extreme, der Gegensätze wie auch der beiden genannten Pole des Bodhisattvaseins in mystisch-ritueller Symbolik dargestellt wird: Die Einheit des Wissens mit der Methodik des mitleidvollen Tätigseins (karuna) wird durch die Vereinigung der männlichen und der weiblichen Gottheit symbolisiert (die sogenannte „Yab- yum-Stellung").
Tsongkhapa hat in seinen Werken die „Vollkommenheit der Weisheit" und den eigentlichen Tantrismus als die beiden Säulen des Mahayana ausgewiesen, und zwar im Sinne von Ursache und Wirkung bzw. Vorbereitung und Verwirklichung. Die tantrischen Texte beruhen vor allem auf der Überzeugung, daß es zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen Materie und Geist, ja auch zwischen leidvollem Daseinskreislauf und erlösendem Nirvana Entsprechungen, Verbindungslinien, gibt, aufgrund derer es z.B. möglich ist, durch den Vollzug eines bestimmten Rituals die Gottheit, die darin beschrieben ist (den Yidam), herbeizuzitieren und sich mit ihr zu identifizieren.
So wird die gesamte „Wirklichkeit" (das Materielle und das Geistige, das Innerweltliche und das Transzendente) als ein nahtlos alles durchdringender Organismus angesehen, der näherhin in fünf Klassen systematisch geordnet ist, denen jeweils fünf Symbole, Bereiche, Elemente, fünf Farben, psychische Zustände, fünf Aspekte der Weisheit, fünf Gifte, fünf Hauptsünden usw. zugeordnet sind - repräsentiert durch die sogenannten fünf Dhyani-Buddhas. Über dieser Fünfzahl erhebt sich auch eine Einzelgestalt, die des Urbuddha, als Prinzip personifiziert in Vajradhara, von dem alle anderen Buddhas ihren Ursprung haben.
Entsprechend dem oben Gesagten werden auch die Tantras selbst als Yidams personifiziert. Sie bieten sich dem Eingeweihten als Inbegriff aller Buddhas und Gottheiten dar, so daß er durch sie der Buddhaschaft teilhaftig wird. Darüber hinaus existiert eine große Zahl von weiteren Göttern und Göttinnen verschiedener Ebenen, bis hin zu den „einfachen" Schutzgottheiten, die um ganz vordergründiger Anliegen willen angerufen werden, so daß wir es mit einem ausgeprägten, hierarchisch gegliederten Pantheon zu tun haben, das nicht nur den fremden Besucher vor der verwirrenden Ikonographie kapitulieren läßt, sondern nicht selten auch die einfachen Mönche.
Dieses Pantheon ist Ausdruck des dreifach gestuften Buddhaprinzips: Als seine eigentliche Natur gilt der Leib der Lehre selbst (dharmakaya), ewig und unausdrücklich. Er manifestiert sich in vielfacher göttlicher Gestalt, wird mithin - meditativ - erfahrbar und „genießbar": der Leib des Genießens (nirmanakaya). Die - scheinbare - Verkörperung als Lebewesen ist ein weiterer Schritt vollends in die Erfahrbarkeit durch alle Lebewesen: der Leib des trügerischen Scheins (sambhogakaya). Als solche „Verkörperungen" des Buddha werden die hohen Lamas (Tulku = „Körper der Verwandlung", meist mit dem Ehrentitel Rimpoche = „Kostbarer" versehen) angesehen, woraus die alles übersteigende Stellung des echten Lamas verständlich wird, die auch das ganze politisch-soziale Gefüge Tibets durchdrungen hat und deshalb zweifellos die Bezeichnung Lamaismus für diesen Zweig des Buddhismus hat üblich werden lassen.

[Auszug aus: Gruschke, Andreas,
Tibet. Weites Land auf dem Dach der Welt",
© Schillinger Verlag, Freiburg]
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è Tibetischer Buddhismus

HELP

Glossary for Mahayana and Tibetan Buddhism

Compiled by Geoffrey Samuel

This glossary was intended as an introductory reference for 2nd year undergraduate students taking a course on Tibetan Buddhism in the Department of Religious Studies at Lancaster University in 1996. 
For reference to the glossary è click here.


 
 
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